Unerwartetes beim Thema Klimawandel
Nationale Sicherheitsstrategien zu Klimawandel und Extrem-Szenarien
2003 gab das Pentagon eine nationale Sicherheitsstudie mit Bezug zum Thema Klimawandel in Auftrag, die absichtlich Extremszenarien und Unerwartetes, modellieren sollte. Die Regierungen verschiedenster Staaten gaben nationale Sicherheitsstrategien mit Fokus auf Klimawandel heraus, weil fast alle davon ausgingen, dass ihre Bevölkerungen früher oder später von den Folgen wie z.B. Nahrungsmittelkrisen beeinflusst sein würden.
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Auch wenn die meisten Extremszenarien nicht an das berühmte Horror-Szenario von Wallace-Wells (The Uninhabitable Earth) herankommen, bereiten sich sämtliche Staaten auf Risiken und Gelegenheiten des Klimawandels vor, was das erneute Aufkommen des Begriffes "Geostrategie" mit begünstigt hat und teils das Interesse eines gewissen amerikanischen Präsidenten an einem bald von Eis freigelegten Erdteil in Europa erklären kann...
Könnte eine Absenkung der Temperatur um 5 Grad eine mögliche Konsequenz des Klimawandels sein?
Die Szenarien fragen Interessantes, wie z.B. "Was, wenn der Klimawandel nicht langsam kommt, sondern abrupt von heute auf morgen?" Oder "Was, wenn der Klimawandel eine Absenkung der Temperaturen auf der Nordhalbkugel um 5 Grad und gleichzeitig einen Temperaturanstieg im Globalen Süden um 4 Grad verursachen würde?" Die Fragen sollten die Politik interessieren, wenn sie möglichst sicher sein will, ihre Bevölkerungen vor unberechenbaren Risiken zu schützen. Die Risiken der Kipp-Punkte, systemischer Wechselwirkungen und zeitlich versetzter Effekte sind bekannt, aber noch nicht genug erforscht. Interessant ist auch, dass aktuell eher ein Kurs der Vertagung nicht-akuter Probleme gefahren wird, obwohl ja Krisen wie der Ukraine-oder jetzt der Iran-Krieg immer wieder Rufe nach einer Stärkung alternativer Energiequellen und Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen nach sich ziehen. Ich bin hier teils fasziniert, teils besorgt.
Fünf mögliche zentrale Konfliktfelder bzgl. Klimawandels
Aus der wahrscheinlich ersten Studie der Bundesregierung zum Thema "Klimawandel als Sicherheitsrisiko" vom WBGU kann man fünf zentrale zukünftige Konfliktfelder in Bezug auf Klimawandel herauslesen, die auch in späteren Publikationen immer wieder erwähnt werden:
- Nahrungsmittelunsicherheit
- Migration
- Naturkatastrophen
- Klimagerechtigkeit
- Weltordnung
Zwischen Hoffnung und Gier - gefühlsmäßige Reaktionen klimawandelbedingter Konflikte bei Menschen
In einer Grafik für eine Schulung habe ich sowohl emotionale Reaktionen als auch Lösungsoptionen zusammengedacht. Was ich wenig in der Literatur gefunden habe, sind Artikel zur menschlichen Psychologie angesichts solcher langsamen Katastrophen und global verflochtenen Phänomene, auch wenn diese Konflikteskalationen mit auslösen würden (gerade in demokratischen Gesellschaften, in denen die Wahrnehmungen und Empfindungen der Bevölkerungen bei Wahlen so eine große Rolle für den Erfolg und Misserfolg von Politikern spielen). Meine Ideen sind natürlich unvollständig und eher assoziativ, aber eine Brücke zwischen den Prognosen und möglicher Psychologie sollte geschlagen werden. So wurden die Themen im Training besprechbar. Die Teilnehmenden - junge Leute aus afrikanischen Krisenländern - sahen auch sofort die Verbindung zu ihrem eigenen Leben und wussten teils schon gut über diese Phänomene des Klimawandels Bescheid. Der Austausch hat mich trotz der ernsten Themen erleichtert und zufrieden gestimmt. Einige der Leitfragen waren:
Was ist zu erwarten, wenn Hass, Angst, Panik oder Schuldgefühle verschiedene Gruppen in ihrem Verhalten beeinflussen? Was wären Positiv-Antworten auf diese Gefühle?
Hier die Folie aus der Schulung:
Infografik: Karoline Caesar Grafik in hoher Auflösung hier zum Download
"Denn in diesen heißen Tagen ist das tolle Blut aufrührisch..." (Shakespeare: Romeo & Julia) - Klimawandel und menschliches Verhalten
Übrigens widmen sich doch vermehrt Forschungseinrichtungen der Verbindung von Klimawandel und menschlichem Verhalten - zu nennen sei das Exzellenzcluster CLICCS an der Universität Hamburg (Anita Engels) oder auch das Programm Environmental Social Sciences der Universität Stanford. Der Stanford Forscher Marshall Burke (damals noch Universität Yale) stellte ebenfalls Migration sowie wirtschaftliche Verschlechterungen als zwei zentrale Konfliktfelder heraus, die durch Klimawandel katalysiert würden. Daneben schlussfolgerte sein Forschungsteam als einer der ersten aus einer Meta-Analyse von 30 Studien, dass Temperaturanstieg direkt mit einem Anstieg an Konflikten verbunden seien - und zwar steige mit jedem Grad Erwärmung allein die Anzahl von Gruppenkonfilkten um 10%. Spätere erweiterte Meta-Analysen bestätigten dies. Vanden Eynde, CNRS (French National Centre for Scientific Research) / Paris School of Economics beschrieb in der Zeitschrift Economic Policy 2025 ebendieselben Brennpunkt-Themen bzgl. klimawandelbedingter Konflikte: Ernteausfälle, wirtschaftliche Verschlechterungen und Migration.
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Der Climate-Conflict-Nexus wird aber auch relativiert - z.B. von Katherine Mach (aktuell Universität Miami) oder Christian Soest, GIGA - Klimawandel als Konflikttreiber solle nicht überschätzt werden - weitaus wichtiger seien die wirtschaftliche Gesamtsituation und die Fähigkeit der Staaten zu guter Regierungsführung. Diese könne Klimawandel managen. Allerdings spricht die aktuelle Situation geopolitischer Veränderungen eher dafür, dass die immer größere Zahl an Herausforderungen die Regierungssysteme belastet und eher eine "Politik des (jetzt) Machbaren" verstärkt. Ich beobachte das vorsichtig-optimistisch bis genervt und frage mich bei jeder Wahl erneut, welchen Politiker*innen und Parteien all diese Herausforderungen am besten zuzutrauen seien.
Künftig gefährdet: Brot und Wasser
Welche Rohstoffe werden künftig gefährdet sein? Laut einer Studie von PwC von 2024 könnten 74% des Lithiums aufgrund von Trockenheit 2050 nicht mehr abbaubar sein, so ähnlich steht es um Kobalt, Kupfer, Eisen.... aber auch um Nahrungsmittel wie Mais, Weizen oder - Reis (87% der Reisproduktion sei aufgrund von Hitze 2050 gefährdet). Dürren und Knappheiten bei Getreide sowie die Forderung des EU-Klimabeirats vor einem Monat, bzgl.. der klimawandelgefährdeten Ernährungssystems der EU-Staaten nun entschlossen zu handeln (siehe Potsdam Institut für Klimafolgenforschung) - die mit am meisten gefährdete Ressource ist Land. Die zweite gefährdete Ressource ebenso eine Überlebensgrundlage: Wasser. Trink-Regen-Grundwasser... 30% aller Flächen weltweit seien 2022 von Dürre betroffen, was laut Nature trotz Aufwärts-Trend ein absoluter Rekord gewesen sei. Das UFZ monitort 40 Wasser-Standorte in Deutschland mit tagesaktuellen Informationen - aufgrund der immer fortschreitenden Dürre ist ein besseres Verständnis der Verbindung global-lokaler Prozesse notwendig. Diese Info hat mich etwas alarmiert, da es an die Grundbedürfnisse geht - wenig bis gar nicht Fliegen oder Fleischessen ist kein Problem, Energie sparen, mehr reparieren, recyceln....okay. Aber wenn Wasser und Grundnahrungsmittel langsam gefährdeter werden.... fällt mir nicht mehr sofort eine Sparmaßnahme ein.
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Klimagesetzgebung - Länder des Südens überholen und pushen den Norden
Trotz der US-amerikanischen Rückschritte in Sachen Klimapolitik fand das Oxford Martin Forschungsprogramm zum Thema Klimapolitik, dass weltweit die Gesetzgebung zum Schutz des Klimas weiter voranschreite anstatt zurückgehe - untersucht wurden die größten Länder der Erde. So seien mehr als 200 neue Vorschriften zur wirtschaftlichen Transformation verabschiedet worden - Vorreiter in Sachen Klimakompensations-Gesetzen: Nigeria, Kenia, Ruanda, Tansania. Diese Nachricht kann man ganz unterschiedlich interpretieren - mich hat sie erstmal total gefreut.
CO2-Ausstoß - mal schlechter, mal besser: Chinas Emissionen seit 18 Monaten gesunken
Im November 2025 gab es noch eine gute Nachricht: Chinas Emissionen seien seit 18 Monaten stabil niedriger und sinken teils weiter, so Zeit bzw. Carbon Debrief. Ein Gefühl von Erleichterung gemischt mit ganz leichtem Bangen - hoffentlich geht der Trend weiter!
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Auch Deutschland war laut Quellen wie Agora Energiewende schonmal auf einem Rekordtief - allerdings war das 2023, danach gingen die Emissionen wieder nach oben. Welche Ursachen waren jeweils verantwortlich? China - Ausbau von Solarenergie und erhöhte Nutzung von E-Autos. Deutschland: Rückgang des Kohleverbrauchs und Produktionsrückgänge in energieinentensiven Industrien.
Langsame Katastrophen oft übersehen - aktuell: Pinguine
Diese wurden gerade auf die rote Liste gesetzt, und man hätte ziemlich genau beobachtet, dass das zu früh abschmelzende Eis die Ursache für massenhaftes Pinguinküken-Sterben gewesen sei - da laut u.a. Guardian und Washington Post Nester, ganze Kolonien, vom Eis abbrechen und ins Wasser fallen würden, wo die Küken ertrunken sein - die, die schon etwas schwimmen konnten, seien im Eiswasser erfroren. So etwas passiert, ohne dass Nachrichten dies laut verkünden (sie waren eventuell schon genug mit dem Wal in der Ostsee und den vielen anderen aktuellen Problemen beschäftigt) und natürlich führen solche Nachrichten auch nicht zu Einsicht und abrupten Verhaltensänderungen in der Politik, Wirtschaft, Gesellschaft.... Etwas traurig finde ich das und werde irgendwie leicht trotzig - jetzt erst recht was machen ("im Namen der Pinguine...!")
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Ein anderes Beispiel ist das langsam steigende Wasser im Pazifik - die Menschen leben teils mit einem stets vorhandenen höheren Wasserspiegel in den Straßen und den Häusern, was ein Film des Jesuit Refugee Service über eine philippinische Insel eindrücklich zeigt. Die Menschen werden irgendwann umgesiedelt werden müssen, aber können es sich eigentlich noch gar nicht vorstellen und leben solange auch mit der immer gefährlicher werdenden Situation - ab und zu bricht doch ein Orkan aus und führt zu größeren Schäden, aber am Tag darauf scheint ja die Sonne wieder...
Fazit
Es ist eine gemischte Bilanz unerwarteter Informationen bzgl. des Klimawandels. (Weitere, ambivalente Themen wie z.B. "Digitalisierung" habe ich dabei noch ausgespart.) Als Coach und Mediatorin richte ich besondere Aufmerksamkeit auf das Thema menschlicher Reaktionen und Emotionen (inklusive meiner eigenen). Denn all die wertvollen Daten und Studien, Handlungsstrategien und klugen Empfehlungen wirken nur dann, wenn eine Mehrheit der Menschen umdenkt und entschlossen handelt. Selbst wenn manche noch am Klimawandel zweifeln, sollte sie doch allein die Möglichkeit eines Risikos aufhorchen lassen und zur Vorbeugung animinieren. Dass gute Regierungsführung dem Klimawandel durch die etlichen schon bekannten Maßnahmen eindämmen, Krisen vorbeugen, faire Lösungen aushandeln und mit globalen Partnerschaften Krisen in Lösungen verwandeln kann, ist eine gute Nachricht. Jetzt sollte das Ganze nur noch etwas schneller und ausdauernder in Handlung übersetzt werden, damit die positiven Wirkungen noch stärker werden und eine positive Spirale in Gang gesetzt wird....